Der Ethik-Unterricht stellt für Lehrerinnen und Lehrer wie für Schülerinnen und Schüler eine große Chance dar. Sie haben hier die Möglichkeit, wichtige schulische und außerschulische Fragen unter ethischer Perspektive mit mehr Zeit und Intensität zu klären und zu diskutieren als im übrigen Fachunterricht. Der Ethik-Unterricht soll in der Schule vor allem einen Denkraum darstellen.

Ethik-Unterricht, wie ihn der Rahmenlehrplan (RLP) vorsieht, ist eine Werteerziehung, die sich an den Menschenrechten und an dem Grundgesetz orientiert.
Anhand ethisch bedeutsamer Themen wie Glück, Freiheit, Solidarität oder Glauben haben Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, über ihr vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges Leben nachzudenken. Dabei können sowohl individuelle als auch soziale Kompetenzen gestärkt werden, insbesondere die Fähigkeit, das eigene Leben sowie das gesellschaftliche Miteinander befriedigend und verantwortungsbewusst zu gestalten. Ferner sollen die Schülerinnen und Schüler dazu angeregt und befähigt werden, sich ein Stück weit von der Einbindung in Konventionen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten ihres Alltags zu lösen.

Dass Ethik eine philosophische Disziplin ist, zeigt sich vor allem im Rückgriff auf die intellektuellen Mittel (gedankliche Analyse, Reflexion, Begründung usw.) wie auch in den entsprechenden Haltungen und Einstellungen (geistige Offenheit, Infragestellung, usw.).
Philosophie wird dementsprechend als eine Praxis des offenen Philosophierens und weniger als die Ansammlung von Wissen verstanden (RLP 2.1, S.9).
Konkret bedeutet das: Wenn im Unterricht Themen wie „Freundschaft“, „Familie“ oder „Verantwortung“ bearbeitet werden, dann geht es nicht allein um einen Meinungsaustausch oder gar das Lernen „richtiger Überzeugungen“. Vielmehr beginnt die eigentliche philosophische Arbeit mit einem weitergehenden Verstehen, kritischen Befragen und Begründungen all jener beim Meinungsaustausch aufeinander treffender Urteile und Überzeugungen.
Neben dem rationalen Nachdenken ist hier die Empathie, die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, wichtig. Die Vernunft hat in diesem Zusammenhang die Rolle einer Art Richterin, einer rational fragenden und rechtfertigenden Instanz (RLP 2.2, S.10). Selbst bei gelungenem wechselseitigem Verstehen stellt sie nämlich immer noch wichtige Fragen: Welche Berechtigung hat denn diese oder jene Überzeugung und welche Beurteilung verdient sie?
Wie ist die Verschiedenheit – der einzelnen Überzeugungen oder der Lebensformen – aufzufassen? Gibt es hier ein Besser oder Schlechter?